Keine Lust auf Kaufmannsladen mehr

In einer Welt, in der wir mehr Landwirte, Forstarbeiterinnen, Solaranlageninstallateure, Sozialarbeiterinnen, Bauarbeiter, Bus- und Zugfahrerinnen und viel mehr Pflegepersonal benötigen, erschaffen wir immer mehr Akademiker, Verwalterinnen und Bürokraten. In vielen Bereichen der Arbeitswelt ist das Verhältnis von Leuten, die wirklich etwas erschaffen und die, die führen, verwalten, organisieren und verhindern sehr ungesund. 55 % junge Deutsche eines Jahrganges beginnen ein Studium (Stand 2021).

Fällt es keinem auf, dass wir nicht 55 % Akademiker gebrauchen können in einer gesunden Gesellschaft? Was für Jobs sollen wir erfinden, nach deren Abschluss? Noch mehr Management, Verwaltung oder Beauftragte für irgendetwas und dafür noch weniger Leute, die etwas bewegen? Die volkswirtschaftlichen Folgen sind bestimmt nicht lustig, aber ich mache mir Sorgen, was das mit den betroffenen Menschen macht. Wie fühlt man sich wohl, wenn man ganz tief unten spürt, dass andere die wichtige Arbeit machen und man selbst mehr oder weniger nichts beiträgt?

Auch ich erschaffe beruflich nichts, bin Assistent im Management. Wenn ich selbst eine Firma hätte, würde es meinen Arbeitsplatz dort nicht geben – und viele andere auch nicht. Ich habe mich halbwegs damit abgefunden, aber es schmerzt, dass man seine Arbeitszeit erheblich sinnvoller verbringen könnte. Sinnvoller für mich und für die Gesellschaft. Ich versuche nicht mehr meine Daseinsberechtigung mit meiner beruflichen Tätigkeit zu verbinden. Wenn mir jemand das Gefühl gibt, ich würde nicht gebraucht, dann ist das okay, weil das halt wirklich so ist.

In der Vergangenheit war das nicht so. Mein Job war meine Identität und die Begründung nervige Dinge zu tun und schöne Dinge nicht. Ich war angegriffen, wenn meine Leistung nicht gesehen wurde, war enttäuscht, wenn andere vor mir befördert wurden. Ich fühlte mich unverstanden, wenn Verwaltung und Vorgesetzte nicht hart genug daran gearbeitet haben, dass meine wertvolle Arbeitszeit effektiv und effizient ausgenutzt wurde.

In einem schmerzhaften Prozess habe ich eine gesunde Distanz zwischen mir und meiner beruflichen Tätigkeit geschaffen. Der Abnabelungsprozess hat lange gedauert und war schwer. Es fühlt sich ein wenig so an, als wenn ich erst als Erwachsener festgestellt habe, dass ich die ganze Zeit mit einem Kinder-Kaufmannsladen gespielt habe, in dem fast nichts echt war. Das Verhältnis zwischen Menschen, die Ergebnisse produzieren und die, die andere Dinge tun ist übrigens nicht nur in meiner Organisation ungünstig, sondern fast überall.

In der Hoffnung, dass meine Kollegen und Chefs das alles hier nicht lesen, komme ich jetzt mal zum Punkt: Es ist ungesund, sich selbst etwas vorzumachen und seine Wertschätzung und Anerkennung auf den Kaufmannsladen aufzubauen. Wir alle wollen wertvoll für unsere Familie, Freunde und die Gemeinschaft sein, weil wir einfach so verdrahtet sind im Kopf.

Es tut mir weh, dass wir es als Gesellschaft zulassen, dass sich eine Person, die die Toiletten in einem Bahnhof putzt, wertloser und unbedeutender fühlt, als ein Manager in einer Bank. Und das ist nicht das einzige Problem: Der vermeintlich wertvollere und deutlich besser bezahlte spürt tief in sich drin, dass sein realer Wert für die Gesellschaft sehr klein ist.

Es geht nicht darum, unser Gesellschafts- oder Wirtschaftssystem zu verteufeln, sondern ehrlicher mit uns umzugehen. Ich würde mich freuen, wenn sich der Manager bei der Reinigungskraft gelegentlich von Herzen bedankt und seinen Wert selbst eher aus seinem Schaffen im persönlichen Umfeld holt und nicht aus dem Kaufmannsladen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass 55 % der jungen Leute sich wie zukünftige Forscher oder Führungskräfte fühlen. Wichtig wäre es, dass junge Menschen aus dem lustigen Hamsterrad der Konditionierungen aus Elternhaus und Gesellschaft ausbrechen und sehr genau überlegen, wofür sie ihre Energie einsetzen. Denn jede, die das tut, was sie liebt und genau da ist, wo sie sich wohlfühlt, wird mit Leichtigkeit viel Wertvolles erschaffen und sich auch so fühlen.


Anregung dieses Textes durch einen lesenswerten Artikel: Die Diktatur des Bürokratiats von Wolf Lotter

https://www.derstandard.de/story/2000134789392/die-diktatur-des-buerokratiats?ref=article

Nach oben scrollen